Die Arbeitgeber waren sich darin einig, dass es in ihrem Interesse wäre, die Löhne und Arbeitsbedingungen zu harmonisieren und das stark fragmentierte und intransparente System von Tarifverträgen von außerhalb des Sektors (z. B. Handel) und ein lückenhaftes Regelwerk über Mindestlöhne und Arbeitsbedingungen zu ersetzen, die nicht unter Tarifverträge fallen. Ihre Wahrnehmungen und Interessen scheinen besonders durch das breitere institutionelle Umfeld in den nationalen Tarifverhandlungsfeldern beeinflusst zu werden, das Normen und Ideen der Zusammenarbeit fest verankert hat und fast 100 % der Arbeitnehmer abdeckt (Pernicka und Hefler 2015). Darüber hinaus haben die Arbeitgeber ein besonderes Interesse an flexiblen Arbeitszeiten zum Ausdruck gebracht, die von den gesetzlichen Normen abweichen. Dies kann nur durch den Abschluss eines Tarifvertrags erreicht werden (Interviews 04, 06 und 13). Die geplante “Osterweiterung” der EU hatte Befürchtungen über den Zustrom billiger Arbeitskräfte geschürt, die die Löhne senken würden und nur durch einen nationalen sektoralen Mindestlohn konterkariert werden könnten (Interviews 03 und 12). Darüber hinaus wollten die Arbeitgeber vermeiden, in Verhandlungen mit regionalen Finanzierungsquellen für soziale Dienste gegeneinander ausgespielt zu werden. Schließlich waren sich die Arbeitgeber darin einig, dass gut qualifizierte Arbeitskräfte eingestellt und die Attraktivität von Sozialberufen für junge Menschen erhöht werden müssen. Außerdem würde die nationale Harmonisierung und Anerkennung von Berufsqualifikationen die geografische und berufliche Mobilität der Arbeitnehmer verbessern. Auch die Gewerkschaften teilten diese Ziele und Interessen weitgehend.

Gewerkschafts- und Arbeitgebervertreter erkennen an, dass die BAGS-Vereinbarung aus den gemeinsamen Vereinbarungen und dem Ziel resultiert, “gemeinsam etwas Großes, etwas Gutes für alle” in der Branche zu schaffen (Interview 02). Sie betonten auch, dass eine solche Kräftekonstellation aufgrund der zunehmenden Bedeutung von Kostenwettbewerb und Sparpolitik nicht mehr möglich sei (Interview 13); die derzeitige Marktlogik behindert Praktiken der bundesweiten Zusammenarbeit und Koordinierung bei der Lohnfestsetzung. Auf der Seite der Arbeitnehmer schließen zwei Gewerkschaften Tarifverträge im Sozialwesen ab: die Arbeitergewerkschaft GPA-djp, die größte Gewerkschaft Österreichs, und die vida-Gewerkschaft, die in Industrie- und Verkehrssektoren tätig ist. Da sich ihre Organisationsbereiche teilweise überschneiden, koordinieren die beiden Gewerkschaften ihre Mitgliederpolitik, um einen Wettbewerb um Mitglieder zu vermeiden (Interviews 02, 06 und 13). Die Gewerkschaftsdichte im Sozialdienstleistungssektor beträgt etwa 18 % mit großen Unterschieden zwischen den Teilsektoren (Interviews 02 und 13).